Gedanken zum Sonntag Palmarum, den 5. April 2020

BIld
Zur Geschichte aus Markus 14 - Bild vom Kinderbibeltag im November 2019
 
Ein berührender Moment
In diesen Tagen ist es etwas Besonderes Spaziergängern auf der Straße zu begegnen. Frische Luft atmen, sich bewegen, sportliche Aktivitäten, andere Gesichter sehen - das alles tut gut. Und doch, wenn mir jemand auf dem Weg entgegen kommt, tauchen sie auf, die gedanklichen Vorsichtsmaßnahmen: Nicht zu nahe kommen - 2 Meter Abstand – nur ein kurzer Gruß, oder doch eine Gelegenheit zum Plaudern? Unsicherheit, Begegnungen mit angezogener Handbremse und zugleich ein beglückender Moment: Wir haben die Gelegenheit, „life“ miteinander zu sprechen. Die Schülerin sieht ihre Lehrerin endlich mal wieder von weitem und strahlt über das ganze Gesicht. Über den Gartenzaun gerufene Grüße klingen aufmunternd im Ohr.
Ein wenig haben wir uns schon an solche minimierte, winzige Begegnungen gewöhnt. Wir wissen, wie notwendig und schützend jetzt ein distanziertes Verhalten ist und üben es ein.
 
Am Palmsonntag erzählt das Evangelium von einer Menschenmenge, die Jesus in Jerusalem willkommen heißt. Im Trubel der Menge entwickelt sich aber auch die Abwehr gegen diesen Wanderprediger bis hin zum Entschluss, Jesus zu töten. Mitten in dieser angespannten Atmosphäre um Jesus erzählt das Markusevangelium:
Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.
Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?
Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.
Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. ( Mk 14, 3-9)
 
„Wie kann sie nur? Hätte man nicht das Geld anders verwenden können? Ist das nicht Verschwendung?“ Die Reaktionen auf die Frau lassen nicht lange auf sich warten. Die Leute zählen gleich nach, sind sooo vernünftig und haben ihre Ratschläge parat.
Doch Jesus schützt diesen berührenden Moment. Er stellt sich schützend vor die Frau, die ihm als Mensch begegnet. Er öffnet den Raum für diesen Liebesdienst. Es scheint, als hielte er den Fortlauf der Geschichte an. Was war, liegt zurück, und was kommt, hat dann seine Zeit.
Jetzt ist der Moment der Begegnung, Berührung und Zärtlichkeit. „Sie hat getan, was sie konnte!“ Ein kostbarer Moment. Ein verschwenderischer Moment. Die Frau lässt Jesus spüren, wie geliebt und würdig er ist. Und Jesus sagt: Sie und was sie getan hat gehören ins Evangelium. Sie zeigt und erweist die Liebe Gottes.
 
Die Frau wird nicht beim Namen genannt. Wir kennen sie nicht, können nur spekulieren, ob und wo sie Jesus bereits begegnet ist. Aber vielleicht ist das ganz gut, dass wir nicht denken: Das hat sie damals getan, das ist weit weg. Ihre Tat ist uns nah. Eine Aufforderung: Sei verschwenderisch mit der Liebe.
 
Phantasie für die Liebe
„Wir sind froh, dass bei uns alles gut ist“, sagt eine Mitarbeiterin im Seniorenzentrum und macht sich Gedanken, wie sie mit den Bewohnern Ostern feiern könnte. Uns wird bewusst wie kostbar es ist, wenn Pflegende in Seniorenheimen und Krankenhäusern den Menschen begegnen. Auch mutig, denn Distanz geht oft nicht, wo die Menschen Hilfe brauchen. Bei allem „Abstand wahren“ sind es doch Nähe und Begegnung, die zu unserem Leben dazu gehören. Da ist jetzt weiterhin Phantasie gefragt. Und es geschieht auch vieles: Postkarten werden wieder geschrieben, Gespräche am Telefon, Blumen vor die Türe gestellt und vieles mehr. Und Gebete – auch mit Ihnen kann man verschwenderisch sein und es ist ein berührender Moment zu erfahren: Da betet jemand auch für mich!
 
Zwei Entdeckungen aus unserer St. Georgs-Kirche
Gleich zwei „Salbgefäße“ sind in unserer Kirche abgebildet. Beide Male sind sie Maria Magdalena zugeordnet, von der in Johannes 12 erzählt wird, wie sie Jesus salbt.
 
 
Wenn der Seitenalter in der Passionszeit geschlossen bleibt, so sieht man ihre Gemälde links oben.Maria
Sie hält einen großen Salbtopf in Händen. Als würde sie sagen: Jetzt in der Passionszeit gibt es doch so viele Menschen, die berührende Momente brauchen – und es ist genügend da an Liebe und Zeit. Damit kann verschwenderisch umgegangen werden.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Auch auf der Miniatur des Isenheimer Altars in der Sakristei ist ein Salbgefäß zu sehen. Er steht direkt unter dem Kreuz neben Maria Magdalena. Sie krümmt  voller Verzweiflung ihre Hände. Es sind die Hände, die Jesus berührten und salbten. Mitten in der düstersten Darstellung des Kreuzestodes Jesus aus dem Mittelalter steht dieses Salbgefäß. Als würde es ausdrücken: auch im tiefsten Leiden ist noch Kraft und Zeit, dem Menschen zu zeigen, dass er geliebt ist.
 
ISemheimer Altar
 
 
Es grüßt Sie zum Palmsonntag
Ihr Pfarrer Klaus Eyselein
 
Zum Sonntag Palmarum gehören:
Als Biblische Lesungen: Evangelium: Johannes 12,12-19
                                     Predigttext: Markus 14, 3-9
Die Wochenlieder:         EG 91 Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken
                                    EG 14 Dein König kommt in niedern Hüllen
Weitere Anregungen zum Kirchenjahr finden Sie unter https://www.kirchenjahr-evangelisch.de